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Welche Informationen kann man eigentlich überhaupt noch über die Onkelz preisgeben, die bei den Fans nicht eh schon bekannt sind? Ihr neues Album heißt "Dopamin", die sechswöchige Tour mit Sub7even im Vorprogramm startet am 19. Mai. Mit der ersten Single "Keine Amnestie für MTV" hat die Band wieder einmal für öffentliche Aufregung, mit dem darauf zu findenden Bonustrack "Je t'aime" für hitzige Diskussionen innerhalb der Anhängerschaft gesorgt. Sparen wir uns also lange Vorreden und lassen den Meister der Worte, Chef und Bassist Stephan Weidner sprechen. Stephan, was bitte schön ist "Dopamin"?
"Du brauchst nur im Lexikon nachzuschauen: Dopamin gehört zu den Neuro-Transmittern, die verantwortlich sind für jede Art von Glücksgefühl, egal ob beim Sex, bei Erfolg oder bei einem guten Song."
Glücksgefühle, die sich auch auf die Atmosphäre eures neuen Albums auswirken? Der Vorgänger "Ein böses Märchen aus tausend finsteren Nächten" klang dagegen eher kalt und pessimistisch.
"Für mich ist das neue Album der logische nächste Schritt. "Ein Märchen aus tausend finsteren Nächten" war ein düstereres Album, "Dopamin" klingt optimistischer. Vielleicht hat es mit der entspannten Situation auf Ibiza zu tun, wo wir das Album aufgenommen haben. So etwas fließt ja unbewusst auch immer in die Grundstimmung der Songs ein."
Habt ihr die Stücke auch auf Ibiza geschrieben?
"Ja, zumindest teilweise. Ein Teil des Materials ist in Irland komponiert worden, gemischt wurde es in London. Ist halt 'ne internationale Produktion."
Allerdings eine, deren Sound wieder zurück zu früheren Onkelz-Scheiben geht. Die elektronischen Stilmittel von "Ein Märchen ..." finden nur noch am Rande statt.
"Allzu übermäßig waren die beim letzten Mal ja auch nicht vorhanden. Sie waren bei einigen Songs nur deutlicher zu hören, waren stärker an der Oberfläche. Diesmal sind wir damit sparsamer umgegangen, auch weil das pure Songwriting noch besser, ausgefeilter und kompakter ist. Ich bin sehr zufrieden mit dem Album, finde es sehr spannend. Es ist wohl das Non-Plus- Ultra dessen, wozu die Onkelz zur Zeit in der Lage sind."
Was genau ist am Songwriting besser, ausgefeilter?
"Nun, es gibt neue Elemente, die wir in dieser Form vorher noch nie verwendet haben, beispielsweise eine walking bass-Linie unter den Soli, außerdem ist das Album rhythmisch aufwendiger."
An einen definitiven Endpunkt ist eure Annäherung ans Musikfernsehen gekommen. Nach dem Fiasko des MTV-Beitrags und eurer aktuellen Single "Keine Amnestie für MTV" ist das Tischtuch offenbar zerschnitten.
"Oh ja, in der Tat. Wir haben endgültig die Schnauze voll! Aber ich bin auf eine gewisse Art auch dankbar für diese Entwicklung, denn sie hat uns auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Wir wissen jetzt wieder, wo wir stehen."
Ehrlich gesagt habe ich eure Annäherung an MTV sowieso nicht nachvollziehen können. Du selbst hast mir vor Jahren erklärt, dass ihr mit VIVA und MTV nichts am Hut habt und jegliche Zusammenarbeit ablehnt.
"MTV sind von sich auf aus uns zugekommen und haben sich nach einer Zusammenarbeit erkundigt. Es war nicht unsere Idee und auf keinen Fall der Versuch, noch mehr Fans zu rekrutieren. Ich denke, wir sind diesbezüglich in einer glänzenden Position und haben so etwas nicht nötig. Der Grundgedanke, der uns veranlasst hatte, über die Unterstützung eines MTV-Beitrags nachzudenken, war die Tatsache, dass es in Zeiten von Polarisierungen und primitiver Meinungsmache wichtig ist, eine Geschichte wie die der Onkelz als Vorbild für andere Menschen aufzuzeigen. Es gibt einen Weg aus der Scheiße, jeder hat die Möglichkeit, sich jederzeit neu zu entscheiden und dann auch eine faire Chance zu bekommen. Wir wollten versuchen, nicht weiter nur auf unsere Vergangenheit reduziert zu werden. Das alles war mit MTV bis in den höchsten Gremien besprochen. Was mich dann letztendlich enttäuscht hat, ist der komplette Rückzug aus der angedachten Idee und ein Beitrag, der nichts mit dem zu tun hatte, was ursprünglich an Annäherung stattgefunden hatte. Kurz: Es ist das Mieseste, was mir jemals passiert ist."
Was waren die Gründe für das Verhalten von MTV?
"Es gab Androhungen von Sponsoren, die ihre Gelder zurückziehen wollten, wenn der Beitrag so wie geplant ausgestrahlt worden wäre. Da gab es dann offensichtlich Gremien, die noch wichtiger waren als die Oberen bei MTV und die den Bericht zu positiv fanden. Diesen Gremien musste sich MTV letztendlich beugen. Also wurde der Onkelz-Bericht panikartig umgeschnitten."
Hatte man euch darüber im Vorfeld informiert?
"Ja, wir bekamen ein paar Tage vorher die Nachricht, dass der Beitrag geändert würde und in einer komplett anderen Fassung über den Sender geht."
Und das habt ihr tatenlos akzeptiert?
"Natürlich haben wir über rechtliche Schritte nachgedacht. Aber die Erfahrung all der Jahre hat immer wieder gezeigt, dass kein Richter sich für die Onkelz ausspricht, egal wie eindeutig die Sachlage ist."
Das heißt, MTV und VIVA sind für euch ebenso gestorben, wie eine ganze Reihe anderer Medien?
"Wir brauchen diese Leute nicht. Zu MTV waren zwar nicht gerade Freundschaften, aber immerhin gute Beziehungen, gewachsen. Man freute sich, wenn man sich begegnete, was ja im Falle meiner Person nicht unbedingt an der Tagesordnung ist. Gerade deswegen war ich so enttäuscht, zumal MTV mit irgendwelchen fadenscheinigen Aussagen den Sachverhalt zu erklären versucht hat. Für uns ist die Sache ein für alle Mal abgehakt, wir rücken zukünftig für solche Leute nicht einmal mehr Pressekarten unserer Konzerte raus. Wenn die uns sehen wollen, sollen sie sich ganz regulär Tickets kaufen. Zu VIVA gibt es ja sowieso schon seit vielen Jahren keinerlei Form von Annäherung. Das Ding ist durch."
Dennoch besteht "Dopamin" erfreulicherweise nicht nur aus Märtyrer- Texten. Du weißt, dass ich eure Underdog-Haltung eh seit Jahren für überholt halte.
"Ja, das weiß ich und es freut mich, dass du diese Weiterentwicklung meiner Texte registriert hast. Eines vorweg: Den Begriff "Märtyrer" mag ich in Bezug auf die Onkelz nicht sonderlich, denn er hat einen für uns unzutreffenden Beigeschmack. Zu den Texten: Sie gehen in der Tat einen Schritt weiter, denn irgendwann dreht man sich im Kreis, wenn man immer in der gleichen Sichtweise verharrt. Diesmal sind die Texte deutlich gelassener, aus einer überlegenen Position heraus geschrieben, mit Augenzwinkern. Ich wollte intelligentere Texte verfassen und nicht so sehr den Onkelz-Pathos hochhalten. Es ist eine Mischung aus Ironie und Überlegenheit, wobei man sagen muss, dass ich mich weiterhin über Dinge auslasse, die mich ärgern. Aber immerhin ärgere ich ja auch Leute."
Erstaunlich ist für mich weiterhin, dass außer dir und Matthias (Röhr, Gitarrist der Band) niemand am Songwriting beteiligt war. Es wäre doch mal interessant, durch Kevin's und Pe's Input einen anderen musikalischen Aspekt in die Songs zu bringen.
"Wäre es vielleicht, aber dafür müsste erst einmal deren Bereitschaft vorhanden sein. Wer nichts dafür tut, kann sich anschließend nicht beschweren."
Vielleicht wäre es ja auch für dich von Vorteil, wenn ihr auf zusätzliche Ideen zurückgreifen könntet.
"Ich denke, die Jungs fühlen sich einfach nicht berufen und bemühen sich deshalb auch nicht. Und für mich ist die Situation doch ideal: Ich kann in Ruhe arbeiten und treffe offenbar den Geschmack der gesamten Band. Außerdem mache ich diesen Job ja schon viele Jahre, dadurch klafft natürlich eine große Lücke hinsichtlich der Erfahrungen. Die müsste erst einmal geschlossen werden, und so etwas geht nicht von heute auf morgen."
Das heißt, außer dir und Matthias hat nur noch euer Co-Produzent Michael Mainx direkten Einfluss auf die Lieder?
"Michael Mainx ist ja sowieso eine Art fünfter Onkel. Er ist zudem unser Monitor-Mischer bei Konzerten, ist immer 100% einsatzbereit und ein netter und sehr positiver Mensch. Er hat auch einen gewissen kreativen Output bei einer Albumproduktion. Wenn ich Zweifel habe, frage ich ihn nach seiner Meinung. Natürlich folge ich der nicht immer, aber mir ist seine Meinung sehr wichtig. Er hat ein gutes Gehör und ist daher eine tolle Ergänzung im Studio."
Und dieses Gehör hat dich nicht davor gewarnt, mit "Je t'aime" den seit Jahren umstrittensten Onkelz-Song aufzunehmen?
"Es gab natürlich jede Menge negative Reaktionen auf den Song, aber das war beabsichtigt. Es ist doch langweilig, immer nur das zu machen, was alle erwarten. Wir bastelten im Studio an dem Slade-Stück ("Coz i luv you", Anm. d. Verf.) und irgend jemand warf die Frage auf, ob ein englischsprachiger Song überhaupt passend für die Onkelz sei. Ich habe geantwortet: Okay, kriegen die Fans eben auch noch 'nen französischen, hahaha."
Ab 19. Mai seid ihr mit Sub7even auf Tournee. Wie kam der Kontakt zustande?
"Wir haben mit Sub7even bei einem Festival in Bremen gespielt und dabei sehen können, dass sie die Onkelz-Fans zum Tanzen bringen. Das hat uns überzeugt, denn so etwas haben noch nicht allzu viele Bands geschafft. Anschließend gab es vom Sub7even-Management die Anfrage, ob wir uns die Gruppe als Support auf Tour vorstellen könnten. Wir haben uns daraufhin mit den Jungs getroffen und uns beschnuppert, denn immerhin muss man sich ja auf Tour fast zwei Monate lang die Bühne teilen. Da ist es wichtig, dass man sich auch persönlich grün ist."
Passen Sub7even deiner Meinung nach stilistisch zu den Onkelz?
"Für mich ist es immer wichtig, kein Onkelz-Plagiat mit auf Tour zu nehmen. Ich bevorzuge Bands, die nur hinsichtlich der Gitarren mit den Onkelz verwandt sind. Ich selbst bin musikalisch sehr tolerant und kann mir die unterschiedlichsten Gruppen für unser Vorprogramm vorstellen. Das hat ja wie im Fall Rinderwahnsinn schon zu ganz krassen Ausmaßen geführt. Ich hoffe, dass unsere Fans ebenso tolerant sind. Sicherlich werden einige Fans Sub7even scheiße finden, aber ich kann mir vorstellen, dass die Jungs viele Besucher mit ihren eingängigen Songs überzeugen können."
Letzte Frage, die obligatorische: Noch immer kein Weidner-Soloalbum in Sicht?
"Das Problem ist nach wie vor das Gleiche: Mir fehlt die Zeit. Ich hätte Bock drauf, aber wenn ich so etwas mache, dann muss es 100%ig Niveau haben und dafür benötigt man nun einmal Zeit."
vom 22.04.02 von Matthias Mineur
Quelle: EMP.de
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