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Presse


Verpönt, gemieden, verehrt - Tour 2002 - Südostschweiz - 23.05.2002



Die deutsche Rockband „Böhse Onkelz“ gastierte erstmals in der Schweiz

In der Öffentlichkeit ist sie verpönt, von den Medien wird sie gemieden, von den Fans aber kultisch verehrt: die deutsche Rockband Böhse Onkelz. Am Pfingstsonntag spielte sie zum Auftakt ihrer neuen Tournee erstmals in der Schweiz. Und sorgte dafür mit ihren harten Sound für eine volle Dröhnung.

„Deutschland den Deutschen“ und „Türken Raus“ - diese beiden Titeln von den Böhsen Onkelz, veröffentlicht in den frühen Achtzigerjahren, drängen die Band in die rechtsradikale Ecke. Schon längst hat sich die einstige Skinhead-Band davon distanziert, der im Frankfurter Milieu aufgewachsene Kopf der „Onkelz“, Stephan Weidner, hat die Texte als 16-Jähriger geschrieben. Doch etliche Songs gegen den braunen Sumpf, eine antirassistische Ausstellung und anderes mehr nützen nichts: die Band bleibt in der Öffentlichkeit verpönt, in den (deutschen) Medien werden die „Onkelz“ permanent mit ihrer Vergangenheit als Skinhead-Band konfrontiert.
Die Schatten werden die Böhsen Onkelz, denen auch das Festhalten am Bandnamen als Indiz für ihre angebliche Unbelehrbarkeit vorgehalten wird, somit nicht los. Ebensowenig los werden die „Onkelz“ eine gewisse Fanklientel. Auch am Pfingstsonntag tauchen bei deren ersten Schweizer Konzert Skinheads auf und lieferten in der Umgebung des Züricher Hallenstadions kleine Scharmützel mit Punks. Aber das kommt auch an anderen Anlässen vor, im Hallenstadion drin waren dann die Glatzköpfe noch eine ganz kleine Minderheit unter gut 12 000 begeisterten „Onkelz“-Anhänger. Einige Skins, die es nicht lassen konnten, mit dem Hitlergruss und faschistischen Parolen auffallen zu wollen, wurden von den Bandeigenen Ordnungskräften - die haben genügend Erfahrung damit - kurzerhand zur Halle hinaus spediert. Weidner warnte von der Bühne herab gar, dass er solche Elemente eigenhändig aus dem Publikum herausholen wolle - was er bei anderen „Onkelz“-Konzerten schon getan hat.

Ausgebuffte Show mit knüppelhartem Rock

Doch schliesslich konnten sich Band und Publikum auf das Wesentliche konzentrieren. Und das war eine ausgebuffte Show mit beinahe exzentrischem Einsatz von Licht, Clips und animierten Grafiken. Knüppelharter Rock mit Punk- und Metal-Versatzstücken liess das Hallenstadion erbeben. Vom brandneuem Album „Dopamin“ wurde ein grosser Teil der Songs gespielt, dazu ältere Sachen wie „Terpentin“, „Ich bin in dir“, „Nichts ist für die Ewigkeit“ und die schon ziemlich angejahrte Fussballhymne „Mexico“. Ein Höhepunkt war das ergreifende „Der Platz neben mir“, ein Song in Erinnerung an einem verstorbenen Freund - auch solche Momente gibt es bei den Böhsen Onkelz.

Die Botschaft ist Anarchie

Von rechtsradikalen Andeutungen in den Texten findet sich heute keine Spur mehr, brav geworden sind sie dennoch nicht, in provozierenden und oft derben Worten ziehen sie gegen den Staat, das Establishment, die Medien („Keine Amnestie für MTV“) vom Leder, ihre Botschaft ist die Anarchie. Kein wunder, wird die Band in gewissen Kreisen bis zum Ende verpönt bleiben.
Da hilft auch „Mutier mit mir“ nicht, ein Song mit der Aufforderung, die Vergangenheit abzustreifen und in die Zukunft zu blicken. Gerade auf dem jüngsten Album zeigt sich „Onkelz“-Kopf Stephan Weidner auch von einer ungewohnten Seite. In „Wie kann das sein“ prangert er die Ausbeutung von Kindern durch pädophile Sextouristen an, in „Ich weiss, wo du wohnst“ wehrt er sich gegen die übertriebene Verehrung der Fans.
Die allerdings liessen nichts über ihre Kultband kommen und feierten jeden Song frenetisch. Das sich die Gemüter nicht überhitzten, dafür sorgten die „Onkelz“ selbst mit kurzem Pausen nach jedem Lied. Ob gewollt oder ungewollt, lautet hier die Frage. Es sah eher danach aus, als ob zu beginn zur Tour (Zürich war die zweite von insgesamt 26 Stationen) noch nicht gar alles wie am Schnürchen klappte.
Sänger Kevin Russell stand manchmal etwas unbeholfen auf der Bühne und war nicht ganz so stark bei Stimme - auf CD jedenfalls entwickelt er einiges mehr an Druck. Stephan Weidner hingegen, der sich mit Russell das Mikrofon teilt und zudem Bass spielt, zeigte sich in Topform, wie auch Gittarist Matthias „Gonzo“ Röhr und Drumer „Peter Schorowsky“.
Bei den Schweizer „Onkelz“-Fans liessen sie schlussendlich nichts anbrennen. Die bekamen die volle Dröhnung in einem weit über zwei Stunden dauernten Konzert. Diese Anhängerschaft hinter sich zu wissen, ist für Weidner & Co. Wohl auf ewig mehr wert als Irgendwann die Anerkennung durch die Öffentlichkeit oder ein Lob von den Medien.

Autor: Jerry Gadent



Beitrag von 3tioz-Team

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