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Freispruch vor dem Mannheimer Amtsgericht für den Sänger der "Böhsen Onkel", Kevin Russell. Freundin Andrea freut sich mit ihm über das "gerechte Urteil". Foto: Gerold
Von Willi Berg
Mannheim. Einen kurzen "Auftritt" hatte der Sänger der Rockband "Böhse Onkelz" am Mittwoch vor dem Mannheimer Amtsgericht. Bereits nach einer halben Stunde wurde Kevin Russell vom Vorwurf der Körperverletzung und Nötigung freigesprochen. "Ein gerechtes Urteil", kommentierte der Musiker die Entscheidung.
Der 39-Jährige war angeklagt, vor einem Konzert im Mai 2002 einen jungen Neonazi misshandelt zu haben. Vor Gericht konnte der 16-Jährige ihn jedoch nicht als Täter identifizieren. "Tut mir leid, wenn wir Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet haben", sagte Staatsanwalt Hans-Heiko Klein. Die Justiz sei einem "falschen Zeugen" aufgesessen, bedauerte der Ankläger.
Das angebliche Opfer hatte vor der Mannheimer Maimarkthalle Unterschriften für die NPD gesammelt. Sicherheitskräfte schnappten sich den Jugendlichen und brachten ihn hinter die Bühne, behauptete er bei der Polizei. Ein Mann habe ihn mit einem Gummiknüppel mehrfach auf den Kopf geschlagen und seinen Arm mit einem Messer geritzt. Der Schläger habe ihn aufgefordert, sich auszuziehen und ihn mit Silberfarbe eingesprüht. Anschließend sei er gezwungen worden, die Unterschriftenliste zu essen, ansonsten werde ein "zähnefletschender Rottweiler" auf ihn gehetzt.
In seiner ersten Vernehmung beschuldigte der Jungnationale den Bassisten Stephan Weidner, ihn misshandelt zu haben. Später änderte er seine Aussage und brandmarkte Sänger Kevin Russell, den er auf einer Internetseite wiedererkannt habe. "Ich weiß von gar nichts, alles aus der Luft gegriffen", versicherte der Sänger gestern glaubhaft.
Denn vor Gericht vermochte der 16-jährige Arbeitslose Russell nicht mehr als Täter zu identifizieren. Sein Peiniger habe anders ausgesehen. Im Übrigen sei der Vorfall "eine Ewigkeit her", sagte der Jugendliche. Richter Wolfgang Winkler zeigte sich erstaunt: "Haben Sie Druck gemacht bekommen?" Eine klare Auskunft blieb der Zeuge schuldig. Und so blieb dem Gericht nichts anderes übrig, als Russell freizusprechen.
Was genau vor dem Mannheimer Konzert am 29. Mai 2002 geschah, bleibt nun im Dunkeln. Dass etwas vorgefallen sein muss, geht aus dem Tour-Tagebuch hervor, das im Internet veröffentlicht wurde: "Armes Schwein - der kommt nie wieder zu einem Onkelz-Konzert. Hart aber gerecht, mehr gibt es dazu nicht zu sagen." Diese Aussage sei ihm nicht bekannt, behauptete Sänger Russell gestern. Er lese heute vor allem "antike Bücher".
Der Sänger gehört inzwischen zu den Großverdienern im deutschen Musikgeschäft. Sein eigenes Nettoeinkommen bezifferte der 39-Jährige, der heute in Irland lebt, auf bis zu 150 000 Euro. Die einstigen Schmuddelkinder des Rock logieren inzwischen in den teuersten Hotels. Vor dem Mannheimer Konzert nächtigte Russell im Königsteiner Kempinski, wie er berichtete.
Berüchtigt waren die "Onkelz", die von Skins zu Punks mutierten, wegen ihrer fremdenfeindlichen Texte in den 80er Jahren. Mit Stücken wie "Türken raus" oder "Deutschland den Deutschen" wurden sie zur bekanntesten Band der rechtsextremen Szene. "Das war eine wilde Zeit, für die ich mich nicht rühmen möchte", erklärte Russell vor Gericht, der noch immer das tätowierte Wort "Skin" auf seiner Hand trägt.
Nach den mörderischen Anschlägen von Solingen und Mölln distanzierten sie sich von ihrer braunen Vergangenheit. Sie gaben Konzerte "gegen rechts" und ließen Neonazis vor die Tür setzen. Ihr großmäuliges Macho-Gehabe pflegten sie dennoch weiter: "Und hier ein paar Worte/an die rechte Adresse/Leckt uns am Arsch/sonst gibt's was auf die Fresse", heißt es in einem Song. Bis heute verfolgen die Musiker die Schatten von damals. Bei vielen Sendern steht ihre Musik noch auf der schwarzen Liste und das obwohl ihre CD's Gold- und Platinstatus erreichen. Und die Tageszeitung "taz" darf die "Onkelz" auch weiterhin als "berüchtigte rechtsradikale Band" bezeichnen, entschied das Berliner Landgericht im Jahre 2001.
Ein Polizist freute sich gestern, den prominenten Sänger persönlich kennen zu lernen: "Ich bin ein Fan von Dir", bekannte er und ließ sich auf dem Flur des Amtsgerichtes von Russell ein Autogramm geben. In der gegenüberliegenden Toilette ist zu lesen: "Suche 8- bis 14-jährige Nazi-Nachwuchs."
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