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Juni 1987
Im Juni 1987
gingen Stephan und Pe in einen Skateboardladen in Frankfurt-Bockenheim,
um sich Sticker amerikanischer Skateboardfirmen zu besorgen, von
denen sie gehört hatten, daß die
eventuell als gute Tattooinspirationen herhalten könnten. Viel
Knochen und Gedärme, Schädel, Kreuze, Schwerter und Wikingerhelme
gab es dort auf Abziehfolie. Der Typ im Laden sah die beiden Tätowierten
reinkommen und dachte sofort an Ärger. Entgegen den schlimmsten
Befürchtungen kamen die drei ins Gespräch und nach zehn
Minuten war es eine grölende Runde. Heftige Zoten und lautes
Lachen verscheuchten die restliche Kundschaft. Es stellte sich heraus,
daß der Typ, dem der Laden gehörte, neu in Frankfurt
war, daß er den Laden erst seit ein paar Wochen hatte und
mit seiner farbigen Freundin zusammenwohnte.
Pe und Stephan
mochten den Typen, und der Typ, der nicht viele Leute in Frankfurt
kannte, mochte die beiden. Von den Böhsen Onkelz hatte er noch
nie gehört. Sie sagten ihm, daß sie eine Kultband der
Skinheads und Hooligans seien, daß sie aber keinen Bock mehr
darauf hätten und seit etwas mehr als einem Jahr andere Musik
machten und sich weiterentwickeln wollten. Sie schenkten ihm eine
"Onkelz wie wir", erklärten ihm den Sinn der Lieder
und erzählten ihm ihre Geschichte. Der Skateboardladenbesitzer
war nicht voreingenommen und er hatte keinen Grund, an ihrer Ehrlichkeit
zu zweifeln. Was hatte der schon mit Skinheadmusik zu tun? Der hatte
lange Haare und zerrissene Jeans, war nicht tätowiert und kam
aus einer ganz anderen Richtung. Der hörte Funk und Hip Hop
und wenns hoch kam ein paar alte Punkscheiben, aber nur amerikanisches
Zeug. Stephan, Pe und der Typ wurden trotzdem richtig gute Freunde,
und sie grüßten ihren neuen Freund auf ihrer nächsten
Onkelzplatte "Kneipenterroristen". Obwohl sie nie zusammen
saufen gingen und der Typ den Rest der Band, Kevin und Gonzo, erst
zwei Jahre später kennenlernte, trafen sie sich oft. Die Freundschaft
bezog sich eher auf gemeinsames Abhängen und Reden, bei Stephan
und seiner Frau zu Hause oder bei dem Typen und seiner Freundin.
Später nahm der Typ Stephan mit zum Snowboardfahren in die
Berge, und nach und nach wurde Stephan richtig sportbesessen.
Snowboardfahren,
Tauchen, Surfen. Einmal fuhren der Typ, Stephan und sein Freund
Trimmi und ein ganzer Haufen Frankfurter nach Österreich, und
es hatte nicht lange gedauert, da flogen sie aus den Hotels raus
und hatten Hausverbot in der Dorfdiskothek. Die Freundschaft ging
so weit, daß Stephan in die Skateboardgeschäfte miteinstieg
und mit dem Typen einen neuen, größeren Laden eröffnete.
Dieser Laden wurde schnell zu einem Magneten für die verschiedensten
Szenen. Snow- und Skateboardfahrer, Musiker und Frankfurter DJs,
Rocker, Tätowierer und Onkelzfans. Während dieser Phase
komponierte und textete Stephan für die "Es ist soweit".
Der Typ turnte Stephan auf Snowboardfahren und Surfen an, und Stephan
turnte den Typ auf Bad Religion, Suicidal Tendencies, Danzig und
Onkelz an. Irgendwann wurde es dem Typen in Frankfurt zu anstrengend.
Obwohl er die besten Freunde gefunden hatte, trieb es ihn in die
Ferne, und außerdem gingen ihm die Gewalt und die harten Drogen
in Frankfurt ziemlich auf den Sack, und er war auch nicht mehr mit
seiner Freundin zusammen und verkauft hatte er alles, was er besaß,
und im Oktober 1990 brach er mit zwei Freunden zu einer langen Weltreise
auf. Kurz vor seiner Abreise wurde Trimmi, der beste Freund der
Band getötet. Kurz nach seiner Abreise sprang einer seiner
Skateboardfreunde mit seinem Board aus dem 4. Stock und war auf
der Stelle tot.
Ein anderer
hatte sich mit Heroin überdosiert und war in seiner Wohnung
verfault, bevor man ihn fand. Es war so Scheiße. Stephan erledigte
die Geschäfte nun alleine, besuchte den Flüchtling in
der Karibik und ließ ihm ein Demo der "Wir ham´
noch lange nicht genug" nach Australien hinterherschicken.
Dort rastete der Typ mit seinen Freunden richtig aus, als er das
Tape zum ersten Mal hörte. Sie saßen in einer Holzhütte
im Dschungel, rauchten dicke Bongs und ließen es vor und zurück
laufen und sangen immer wieder... "Vom Himmel in die Hölle
und von der Hölle ganz hinauf..." Sie waren komplett aus
dem Häuschen vor Begeisterung und drehten in ihrer Hütte
völlig ab. Der Typ vermißte Stephan und die Onkelz sehr,
dennoch blieb er fort, er war auf der Suche nach anderen Dingen.
Stephan schloß darauf bald den Skateboardladen für immer
und konzentrierte sich ausschließlich auf die Arbeit mit der
Band. Die Böhsen Onkelz wurden immer erfolgreicher, und als
der Typ endlich von seiner Reise zurückkam, konnten er und
seine Freunde den Mund nicht zu kriegen, so erstaunt waren sie über
die Dimension, die das Thema Böhse Onkelz angenommen hatte,
und so erschrocken waren sie über die Vorgänge in Deutschland.
Sie waren 16 Monate fort gewesen, und es hatte sich einiges verändert.
Deutschland war für sie nicht mehr dasselbe, es war zu einem
Land unter vielen geworden. Sie hatten die Welt umrundet und waren
auf freundlichere Menschen gestoßen und auf mehr Wärme.
Als sie zurückkamen, war es Februar, es war kalt und Scheiße,
und auch die Menschen waren kalt und Scheiße. Stephan war
der erste, den sie nach ihrer Rückkehr sehen wollten, und sie
trafen sich in Düsseldorf, und Stephan war genauso wie zu der
Zeit, als der Typ aufgebrochen war und wie zu der Zeit, als sie
sich kennengelernt hatten, offen und geradeheraus. Das war´s
wohl gewesen, was der Typ auf der Reise am meisten vermißt
hatte und am meisten gesucht hatte.
Ich bin mir
sicher, daß es so gewesen ist, denn ich war dieser Typ.
Edmund Hartsch
- Juni 1987
Quelle:
BOM
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