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Vorwort

Eine Botschaft an meine Leser und zukünftigen Kritiker...

Bei den Arbeiten zu diesem Buch war ich oft erstaunt über die Dimension, die das Thema "Böhse Onkelz" in den Jahren erreicht hatte. Ich hatte viele Gespräche mit Freunden, Verwandten, Fans und Kritikern der Band zu führen, ich hatte meine Eindrücke und Erinnerungen aus 10 Jahren Onkelzfreundschaft zu sortieren und es galt 17 Jahre kontroverse Bandgeschichte aufzuarbeiten. Kiloweise Tagespresse, Printmedien, Tapes, Videos und Bücher, in denen sich Autoren, Journalisten, Politiker, Veranstalter, Musiker und Psychologen auf die eine oder andere Art, dem Thema zu nähern versucht hatten, mußten auf ihre Ehrlichkeit und Genauigkeit hin überprüft werden. Und ich hatte mich immer wieder zu rechtfertigen. "Du schreibst was? Bist Du irre? Das ist doch die Naziband, oder?"

Soviel dummes Geschwätz, soviel infame Heuchelei und soviel armselige, ignorante Hetze, soviel schockierende Uninformiertheit, aber auch soviel Witziges, Kluges und Abgedrehtes haben dieses Buch nötig gemacht. Es enthält Politik, aber es ist kein politisches Buch. Mir ging es um die Lebensbeschreibung von vier Menschen, deren Motivation Musik zu machen keine politischen Inhalte hatte. Was man hier lesen wird ist der Bericht über eine deutsche Rockband, die wie keine andere Band vor ihr als Mittel dümmlicher politischer Agitation mißbraucht wurde. Es soll hier auch von Jugendbewegungen und von Formen des Widerstandes die Rede sein, vom Zerfall unseres modernen Weltbildes und der Zerstörung der Individualität, von Kontrolle, Meinungsdiktat, Trendterror und Zensur. Natürlich wäre es naiv, zu behaupten, diese Dinge hätten nichts mit Politik zu tun, nur mußte ich immer wieder beobachten, wie Politiker und Teile der Öffentlichkeit von außen eingriffen, um in jedem Falle das Geschehen auf die eine oder andere Weise für sich zu nutzen. Man hat dieser Rockband immer wieder nahe gelegt, ihren Namen zu ändern, um dann im öffentlichen Licht, als gleiche Personen, mit gleicher Vergangenheit, aber unter neuem Namen weiterzumachen. Man forderte, daß sie sich auf die Seite der Lügner stelle, daß sie sich und ihre Vergangenheit leugne und am Leben einer verlogenen etablierten Gesellschaft teilnehme. Dann, so hieß es, sei man bereit, den einen oder anderen Ausrutscher zu verzeihen, und man würde auch wieder für Auftrittsmöglichkeiten sorgen, und über ein Ende des Verkaufsboykotts von Onkelzplatten ließe sich reden. Ich halte das für einen Skandal. Das Schlüpfen in eine Scheinidentität, eine heuchlerische Verkleidung aus Lüge und Leugnung soll erstrebenswerter sein, als eine selbst gewaschene Weste? Es handelt sich um ein typisch deutsches Nachkriegsmißverständnis, daß ein Wandel der Einstellung, ein Lernen und ein Fortschreiten, ein Einsehen von begangenen Fehlern mit einer Verleugnung der eigenen Person einherzugehen hat. Die Böhsen Onkelz waren immer die Böhsen Onkelz, 1980 genauso wie 1997. Das wird dieses Buch zeigen. Wölfe im Wolfspelz, von mir aus, aber keine Nazis und auf gar keinen Fall politisch, im Gegenteil. Sie haben geschafft, was keine andere Band vor ihnen vermochte. Sie haben einem kleinen Teil der deutsch-sprechenden Jugend ein Stück Identität zurückgegeben, daß ihr von einer profitorientierten Gesellschaft wegkonditioniert wurde.

Dieses Buch enthält Gewalt. Viel Gewalt. Es ist laut und gemein. Es ist viel Blut darin und viel Rotze. Viel Erbrochenes und literweise verschwendetes Ejakulat. Kaputte Flaschen, offene Wunden und bittere Säfte. Schlagt dieses Buch auf, wo immer Ihr möchtet, lest, was immer Euch gefällt. Interpretiert frei drauflos und erzählt über dieses Buch oder meine Person was Ihr wollt. Es steht Euch frei und mich ärgert es nicht, ich bin kein Schriftsteller. Dieses Buch wird sich nicht in den Dreck ziehen lassen, denn es ist bereits ein dreckiges Buch, an dem Tage, an dem es erscheint. Soll es sich doch suhlen im Sumpf einer primitiven Sensationspresse. Soll es von mir aus verrecken, dieses Buch, und im unerquicklichen Sud von Zu-oft-gesagtem mit anderen Büchern um die Wette quäcken. Möge es sich, wie es ihm beliebt, um Platzierung in dubiosen Lesercharts raufen und um diese oder jene Kritik streiten.

Als ich Stephan Weidner und Pe Schorowsky im Juni 1987 kennenlernte, war ich "neu" in Frankfurt. Ich kannte weder Stadt noch Leute und von den Böhsen Onkelz hatte ich nie zuvor gehört. Stephan, ein verheirateter Mann von 24 Jahren, sagte mir damals, daß er und seine Freunde eine Band hätten, daß sie die "Böhsen Onkelz" hießen und in Skinhead- und Hooligankreisen eine Kultband gewesen wären, daß sie aber seit einiger Zeit das Gefühl hatten, diesen Szenen entwachsen zu sein. Sie wollten sich musikalisch weiterentwickeln, und ich erinnere mich, daß ebenfalls die einsetzende Politisierung in der Skinheadszene ein Grund ihres Ausstiegs gewesen ist. Als man mir damals die Texte der ersten LP "Der nette Mann" zeigte, war ich zunächst angeekelt von der beschriebenen Gewalt. Die Lieder passten zwar zu dem, was ich über Skinheads und Brutalität gehört und gelesen hatte und augenscheinlich auch zu den Menschen auf dem Coverphoto, aber nicht zu den zwei Menschen, die ich kennengelernt hatte und zu den Personen, die sie zu sein vorgaben. Sie begegneten mir mit Toleranz und selten erlebter Offenheit und sie nahmen kein Blatt vor den Mund. Ich hatte nicht den geringsten Grund an der Ehrlichkeit ihrer Aussagen zu zweifeln. Vielleicht sollte ich erwähnen, daß ich zu dieser Zeit sehr lange Haare hatte, mit meiner afrikanischen Freundin zusammen wohnte, andere Musik als Stephan und Pe hörte und aus einem komplett anderen Milieu stammte. Von Skinheads hatte ich nur wenig Ahnung. Das war im Sommer ´87, zu einer Zeit, als die Böhsen Onkelz kaum bekannt und die Medien nur vereinzelt daran interessiert waren, über eine Skinheadband zu berichten, die keine Skinheadband mehr sein wollte.

Es geht hier nicht um Politik, sondern um Widerstand, um Empörung, um Schmutz, Skandal und Zensur. Ein Willkommen an alle Unvoreingenommenen und an alle, die sich gewissenhaft und ohne Vorurteile informieren wollen, wie gering sie an Zahl auch sein mögen. Und an all die Besserwisser und Neunmalklugen, an all die Musikjournalisten und Medienmenschen, die Politiker und Veranstalter, an all die radikalen Fanatiker, linke wie rechte, die immer noch in die alte Kerbe hauen, die, die sich in ihrem persönlichen Onkelzkrieg zu solcher Polemik und Diffamierung haben hinreißen lassen, die das Maul so weit aufgerissen haben, daß sie jetzt nicht mehr zurück können...

...fahrt zur Hölle!


Edmund Hartsch Frankfurt am Main, im Juni 1995

Quelle: Danke Für Nichts / Edmund Hartsch

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